Mandalas in der Kirche — darf das sein?

k

1. July 2026

Manchmal erfährt man Dinge erst im Nachhinein.

Die Ausstellung war längst vorbei, die Bilder wieder im Atelier, als mir jemand erzählte, was in der frühen Vorbereitungsphase der Ausstellung diskutiert worden war: ob Mandalas in der Kirche überhaupt ihren Platz hätten, ob sie christlich seien.

Dabei hatte alles unspektakulär begonnen: Ich wurde gefragt, ob ich mir vorstellen könne, meine Bilder in der Simon-Petrus-Kirche in Hamburg-Poppenbüttel auszustellen. Das Kirchengebäude trägt keine aktive Gemeinde mehr — entwidmet ist es allerdings nicht, Trauungen finden dort zum Beispiel nach wie vor statt. Der Freundeskreis der Simon-Petrus-Kirche, ein Verein Ehrenamtlicher, der aus eben dieser Gemeinde hervorgegangen ist, hält das Haus seit einem Jahr lebendig: mit Konzerten, Lesungen, Ausstellungen.

Die Idee, dort ausstellen zu dürfen, fand ich sofort reizvoll. Der Bau ist absolut ungewöhnlich, hat Glasbausteine in vielen Farben, die das Licht auf eine Weise in den Raum fallen lassen, die sich im Laufe des Tages immer wieder verändert. Als ich das erste Mal drinstand, dachte ich: Wie schön das zu den Mandalas passt.

Aber zurück zu der Diskussion: Ich musste kurz innehalten, als ich von ihr erfuhr. Nicht weil mich die Frage, ob Mandalas überhaupt christlich seien, gekränkt hätte, sondern weil sie mich beschäftigt hat. Weil sie eine Tiefe hat, die einen guten Blogartikel verdient.

Die Frage ernst nehmen

Und irgendwie fand ich die Frage richtig gut. Das sage ich ohne Ironie. Denn Fragen, die aus echter Überzeugung gestellt werden, verdienen Auseinandersetzung — keine müde Abweisung.

Aber: Das Wort „christlich“ kann in diesem Satz zweierlei bedeuten, und es lohnt sich, das auseinanderzunehmen.

Das eine: christlichen Ursprungs. Da ist die Antwort klar und unaufgeregt — Nein. Das Wort Mandala kommt aus dem Sanskrit, die Praxis aus hinduistischen und buddhistischen Traditionen. Das stand nie in Frage, und es wäre auch keine Kritik, sondern schlicht ein Fakt.

Die zweite mögliche Bedeutung: im Widerspruch zum christlichen Glauben stehend. Und das ist sicher die eigentliche Frage, um die es hier geht. Im tantrischen Buddhismus ist das Mandala nämlich ein spirituelles Werkzeug mit einer sehr konkreten religiösen Funktion: ein Meditationsobjekt, das auf eine bestimmte Gottheitserfahrung abzielt. Wer es aus diesem Zusammenhang herauslöst, übernehme — so das Argument — möglicherweise mehr, als er beabsichtigt.

Dies ist ein Argument für Aufmerksamkeit, für das Nachdenken darüber, womit man sich umgibt. Und ich teile den Impuls vollkommen: Dinge sollten nicht gedankenlos übernommen werden.

Nur: Wenn ich auf die Geschichte schaue — und auf das, was der Kreis selbst trägt, lange vor jeder Religion — dann sieht das Bild etwas anders aus.

Was das Wort verrät

Fangen wir mit dem Wort an. „Mandala“ stammt aus dem Sanskrit — der altindischen Gelehrtensprache — und bedeutet schlicht: Kreis. Kein Ritual, keine Gottheit, kein Bekenntnis steckt im Wort selbst. Nur die älteste geometrische Form, die Menschen kennen.

Kreisförmige Bilder mit einer erkennbaren Mitte tauchen in archäologischen Funden aus der Altsteinzeit auf — schätzungsweise 25.000 bis 30.000 Jahre alt. Lange bevor es Hinduismus oder Buddhismus gab. Lange bevor es Kirchen gab. Der Mensch hat dieses Bild immer wieder hervorgebracht, in den unterschiedlichsten Kulturen, unabhängig voneinander.

Der Kreis war schon immer in der Kirche

Wer das nächste Mal in eine gotische Kathedrale tritt, sollte den Blick nach oben richten — zur Fensterrose über dem Portal. Notre-Dame in Chartres. Notre-Dame in Paris. Das Straßburger Münster. Kreisförmige Prachtfenster, mit Durchmessern von über 13 Metern, konzentrisch aufgebaut, auf eine Mitte hin geordnet. (Wikipedia: Fensterrose)

Kunsthistoriker beschreiben ihre Wirkung so: beruhigend, harmonisch, meditativ. Sie können die Vollkommenheit der sich nach allen Seiten verbreitenden Liebe des Göttlichen verkörpern. Das ist keine esoterische Interpretation. Das steht in jedem Kunstgeschichtsbuch.

Diese Rosenfenster entstanden ab dem 11. Jahrhundert — und sie folgen exakt demselben Prinzip wie ein Mandala: ein Zentrum, von dem aus sich Ordnung nach außen entfaltet. Symmetrie. Konzentration. Die Einladung, den Blick zu sammeln und zur Ruhe zu kommen.

Der Kreis als spirituelle Form ist kein Import aus dem Osten in den Westen. Er ist in Europa seit Jahrhunderten in Stein gemeißelt und in Glas gebrannt. Er gehört zur Kirche genauso wie zum Buddhismus — weil er, tiefer betrachtet, keiner Tradition allein gehört.

Was Forscher dazu sagen

Der Autor und Fotograf Peter van Ham hat in seinem Buch „Mandala – Auf der Suche nach Erleuchtung“ (Arnoldsche Verlagsanstalt) Kreissymbolik quer durch alle Religionen und Kulturen verglichen — von Mexiko bis Kathmandu, vom Buddhismus über das Christentum bis zum Islam. Das Interview dazu erschien auf evangelisch.de, dem Nachrichtenportal der evangelischen Kirche — also auf einer Plattform, die der Frage alles andere als gleichgültig gegenübersteht.

Van Ham sagt dort: „Mandala bedeutet in seiner ursprünglichen, aus dem Sanskrit stammenden Bedeutung schlichtweg Kreis. Einen Kreis zu zeichnen galt und gilt bis heute im spirituellen Kontext als Medium der Zentrierung, der Konzentration. Wie meine Forschung ergeben hat, lässt sich dies in allen spirituellen Traditionen der Menschheit nachweisen.“

Und er führt einen Vergleich an, der mich berührt hat: Eine christliche Monstranz mit Hostie, ein buddhistisches Rad der Lehre und eine archaisch-chinesische Jenseits-Scheibe — alle kreisförmig, alle mit einem punktförmigen Zentrum als Sitz der allumfassenden Wahrheit. Alle drei suggerieren, dass es über die rein physische Existenz hinaus eine Transzendenz gibt — und transportieren damit eine zutiefst völkerverständigende Botschaft.

Drei Kulturen. Drei Jahrtausende. Dieselbe Geste.

Worum es mir geht

Meine Mandalas tragen keine religiöse Doktrin. Kein Bekenntnis, keine Gottheit, keine Lehre. Sie entstehen in Stille — im Rhythmus des Malwerkzeugs, Punkt für Punkt, Strich für Strich — aus dem Wunsch, etwas zu schaffen, das einen Raum beruhigt. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Ich glaube, dass Bilder etwas tun können. Dass ein Mandala an der Wand — durch seine Symmetrie, seine Mitte, seine Farbwelt — etwas in einem Menschen anspricht, das nicht von Worten erreicht wird. Etwas, das sich nicht erklären, aber spüren lässt.

Was dabei im Menschen passiert — und welche Rolle Schutz und Transformation in dieser uralten Form spielen — habe ich in diesem Artikel näher beschrieben.

Was das mit Spiritualität zu tun hat, habe ich an anderer Stelle beschrieben: als Atem — nicht als Technik oder Zugehörigkeit, sondern als das, was entsteht, wenn man wirklich innehält.

Ob das in einem Wohnzimmer passiert, in einem Büro oder in einer Kirche, die gerade ihren Weg neu findet — die Form, die Absicht und die Wirkung bleiben dieselben.

Fazit: Der Kreis gehört allen

Die Diskussion, die meiner Ausstellung stattgefunden hat, hat am Ende ein klares Ergebnis gehabt: Die Bilder durften hängen. Die Ausstellung fand statt.

Was mich daran im Nachhinein am meisten bewegt, ist nicht das Ergebnis. Es ist die Tatsache, dass die Frage gestellt wurde — ernsthaft, aus echter Sorge um das, was dieser Ort bedeutet. Das ist keine Rückständigkeit.

Vielleicht besteht die tiefste Gemeinsamkeit zwischen Kunst und Glaube genau darin: dass beide nach einer Mitte suchen. Nicht unbedingt dieselbe. Nicht auf demselben Weg. Aber mit derselben Ernsthaftigkeit.

Der Kreis war schon in den Kathedralen, lange bevor das Wort Mandala in Europa ankam. Er taucht in Sandzeichnungen auf, in Kirchenfenstern, auf Leinwänden. Er gehört keiner Tradition allein.

Mich hat diese Frage jedenfalls noch eine Weile beschäftigt — länger als die Ausstellung gedauert hat. Ich bin gespannt, was du dazu denkst.

As mandala artist and workshop host I combine creativity with mindfulness. My aim is to inspire others to find inner peace and balance by looking at and painting mandalas.

You might also like...

Fun Facts über mich

Fun Facts über mich

Neulich fragte mich jemand, ob ich schon immer Künstlerin war.Nein. Aber der Weg hierher war nie langweilig. 38 Dinge...

0 Comments

Submit a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Cookie Consent with Real Cookie Banner