Vorgestern und gestern war ich eine von ca. 60 Aussteller:innen auf der Messe ANBEGINN im Sasel-Haus in Hamburg. Eine Messe für Gesundheit, Wohlbefinden und persönliche Weiterentwicklung – das Publikum entsprechend offen: viele spirituell interessiert, manche auf der Suche, manche einfach neugierig.
Immer wieder hörte ich von Besucher:innen an meinem Stand dasselbe: „Boah, was für eine Energie!“
Dass meine Mandalas etwas mit dem Raum und mit den Menschen machen, die vor ihnen stehen, ist mir zwar nicht neu. Aber es ist trotzdem jedes Mal wieder berührend, diese prompten Reaktionen auf meine Werke live mitzuerleben. Das bestätigt mir, dass ich mir das alles nicht einbilde.
Aber eigentlich sind diese Reaktionen kein Wunder. Denn diese Kreise tragen eine Überlieferung in sich, die Jahrtausende alt ist – und damit weit älter als jede Wellness-Welle.
Ein Wort, das alles trägt
„Mandala“ kommt aus dem Sanskrit und bedeutet wörtlich: Kreis.
Manche Quellen deuten das Wort als Zusammensetzung aus manda (Essenz, Zentrum) und dem Suffix -la (Behältnis) – frei übersetzt: ein Gefäß, das die Essenz enthält. Ob das die sprachwissenschaftlich gesicherte Zerlegung ist, lässt sich nicht abschließend sagen. Was bleibt, ist das Bild: ein Kreis, der etwas Wesentliches in der Mitte hält.
Das Wort taucht erstmals im Rigveda auf, einem der ältesten hinduistischen Texte, der bis ins erste Jahrtausend vor Christus zurückgeht. Dort bezeichnet es die zehn Bücher des Werkes – also eine Sammlung von Liedern, kein Bild. Das Mandala als geometrische, konzentrische Form, wie wir es heute kennen, entstand später und blühte in der hinduistischen und buddhistischen Kunst über Jahrhunderte auf. Vedische Rituale verwenden Mandalas bis heute.
Schutz, der in der Struktur steckt
Im Hinduismus war das Mandala buchstäblich Architektur.
Das klassische Mandala zeigt im Zentrum einen Palast mit vier Toren, ausgerichtet nach den vier Himmelsrichtungen. Darum liegen mehrere Kreisschichten – jede davon eine Schwelle, die man passieren muss, bevor man zum Zentrum gelangt. Jede Schicht steht für eine Eigenschaft oder Erkenntnis.
Der Kreis schützt. Er zieht eine Grenze. Innen: das Heilige. Außen: der Rest der Welt.
Das verwandte Yantra – die geometrische Grundform, aus der das bildhafte Mandala entstand – gilt in tantrischen Traditionen als spiritueller Schutzschild. Yantra-Tätowierungen im buddhistischen Südostasien werden noch heute für Schutz, Kraft und Klarheit gesetzt.
Und nicht nur als Tätowierung: In hinduistischen und buddhistischen Traditionen wird das Yantra seit Jahrhunderten auch als Anhänger getragen – nah am Körper, als sicht- und spürbares Symbol. Dass meine Mandala-Kettenanhänger auf der ANBEGINN wieder so gefragt waren, überrascht mich insofern gar nicht.
Was wie Folklore klingt, hat eine sehr konkrete Logik: Ein Kreis trennt Innen von Außen. Er sagt: Hier ist ein anderer Raum.
Transformation von innen
Im Buddhismus trägt das Mandala eine zweite Qualität.
Es ist kein Schutzobjekt, es ist ein Werkzeug. Ein tibetisches Sandmandala entsteht über Tage in konzentrierter Stille. Wenn es fertig ist, wird es zerstört und der Sand in einen Fluss gestreut.
Bewusst. Rituell. Als Demonstration, dass Vollkommenheit und Vergänglichkeit kein Widerspruch sind.
In dieser Tradition dient das Mandala der Visualisierung innerer Prinzipien: Man schaut nicht einfach darauf. Man geht hinein – Schicht für Schicht, immer tiefer zum Zentrum. Die tantrisch-buddhistische Praxis versteht das Mandala als kosmisches Ordnungsschema, das nach innen führt.
Der Prozess ist das Mandala. Das Entstehen. Die Stille dabei.
In spirituellen Traditionen steht der Kreis für das Universum, für Ganzheit und Vollkommenheit — und für die Reise des Menschen zu seinem eigenen Zentrum hin. Die Symmetrie, die stets auf einen zentralen Punkt ausgerichtet ist, soll den Geist fokussieren. Das Mandala ist von Anfang an mehr als ein Bild. Es ist ein Werkzeug.
Was die westliche Psychologie erkannte
Anfang des 20. Jahrhunderts fand das Mandala seinen Weg in die westliche Tiefenpsychologie.
Die kreisförmige, symmetrische Figur wurde als Ausdruck innerer Ordnung verstanden – als Form, die entsteht, wenn die Psyche Ganzheit sucht. Das Zeichnen eines Mandalas galt als Möglichkeit, unbewusste Prozesse sichtbar zu machen. Ein Weg nach innen. Eine Art Selbstbefragung ohne Worte.
Das klingt abstrakt. In der Praxis heißt es: Pinsel in der Hand, rhythmische Wiederholung, Kopf wird leiser. Das ist keine Esoterik. Das ist Konzentration, die eine Richtung bekommt.
Was das für meine Bilder bedeutet
Ich male meine Mandalas in einer bestimmten Intention – konzentriert, ruhig, bei mir. Das ist nichts Mystisches. Es ist der Unterschied zwischen einem Bild, das gemacht wurde, und einem Bild, das entstanden ist.
Was die Menschen auf der ANBEGINN gespürt haben, kommt von beidem: von dem, was ich beim Malen hineingebe – und von dem, was Kulturen auf der ganzen Welt seit Jahrtausenden in diese Form eingeschrieben haben: Ein Kreis schafft Raum. Er sammelt, ordnet, schützt.
Wer es etwas wissenschaftlicher mag: Was beim Betrachten eines Mandalas in dir vorgeht, hat sogar eine neurologische Erklärung. Ich habe sie hier aufgeschrieben.
Und wenn du selbst erleben willst, was es macht, ein Mandala von innen nach außen zu kreieren: Die nächsten Ruhe.Punkt.-Termine findest du hier








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